FERDINAND zu den VORIGEN.
LUISE (wird ihn zuerst gewahr und wirft sich Millern laut schreiend um den Hals).
Gott! Da ist er! Ich bin verloren!
MILLER. Wo? Wer?
LUISE (zeigt mit abgewandtem Gesicht auf den Major und drückt sich fester an ihren
Vater). Er! Er selbst! - Seh Er nur um sich, Vater - Mich zu ermorden ist er da!
MILLER (erblickt ihn, fährt zurück). Was? Sie hier, Baron?
FERDINAND (kommt langsam näher, bleibt Luisen gegenüber stehn und lässt den
starren, forschenden Blick auf ihr ruhen, nach einer Pause). Überraschtes Gewissen,
habe Dank! Dein Bekenntnis ist schrecklich, aber schnell und gewiss, und erspart mir
die Folterung. - Guten Abend, Miller.
MILLER. Aber um Gottes willen! Was wollen Sie, Baron? Was führt Sie her? Was soll
dieser Überfall?
FERDINAND. Ich weiß eine Zeit, wo man den Tag in seine Sekunden zerstückte, wo
Sehnsucht nach mir sich an die Gewichte der zögernden Wanduhr hing, und auf den
Aderschlag lauerte, unter dem ich erscheinen sollte - Wie kommt’s, dass ich jetzt
überrasche?
MILLER. Gehen Sie, gehen Sie, Baron - Wenn noch ein Funke von Menschlichkeit in
Ihrem Herzen zurückblieb - Wenn Sie die nicht erwürgen wollen, die Sie zu lieben
vorgeben, fliehen Sie, bleiben Sie keinen Augenblick länger. Der Segen war fort aus
meiner Hütte, sobald Sie einen Fuß darein setzten - Sie haben das Elend unter mein
Dach gerufen, wo sonst nur die Freude zu Hause war. Sind Sie noch nicht zufrieden?
Wollen Sie auch in der Wunde noch wühlen, die Ihre unglückliche Bekanntschaft
meinem einzigen Kinde schlug?
FERDINAND. Wunderlicher Vater, jetzt komm ich ja, deiner Tochter etwas
Erfreuliches zu sagen.
MILLER. Neue Hoffnungen etwa zu einer neuen Verzweiflung? - Geh, Unglücksbote!
Dein Gesicht schimpft deine Ware.
FERDINAND. Endlich ist es erschienen, das Ziel meiner Hoffnungen! Lady Milford,
das furchtbarste Hindernis unsrer Liebe, floh diesen Augenblick aus dem Lande. Mein
Vater billigt meine Wahl. Das Schicksal lässt nach, uns zu verfolgen. Unsre glücklichen
Sterne gehen auf - Ich bin jetzt da, mein gegebenes Wort einzulösen, und meine Braut
zum Altar abzuholen.
MILLER. Hörst du ihn, meine Tochter? Hörst du ihn sein Gespötte mit deinen
getäuschten Hoffnungen treiben? O wahrlich, Baron! Es steht dem Verführer so schön,
an seinem Verbrechen seinen Witz noch zu kützeln.
FERDINAND. Du glaubst, ich scherze. Bei meiner Ehre nicht! Meine Aussage ist wahr,
wie die Liebe meiner Luise, und heilig will ich sie halten, wie sie ihre Eide - Ich kenne
nichts Heiligers - Noch zweifelst du? Noch kein freudiges Erröten auf den Wangen
meiner schönen Gemahlin? Sonderbar! Die Lüge muss hier gangbare Münze sein, wenn die Wahrheit so wenig Glauben findet. Ihr misstraut meinen Worten? So glaubt diesem
schriftlichen Zeugnis. (Er wirft Luisen den Brief an den Marschall zu.)
LUISE (schlägt ihn auseinander und sinkt leichenblass nieder).
MILLER (ohne das zu bemerken, zum Major). Was soll das bedeuten, Baron? Ich
verstehe Sie nicht.
FERDINAND (führt ihn zu Luisen hin). Desto besser hat mich diese verstanden!
MILLER (fällt an ihr nieder). O Gott! meine Tochter!
FERDINAND. Bleich wie der Tod! - Jetzt erst gefällt sie mir, deine Tochter! So schön
war sie nie, die fromme, rechtschaffne Tochter - Mit diesem Leichengesicht - - Der
Odem des Weltgerichts, der den Firnis von jeder Lüge streift, hat jetzt die Schminke
verblasen, womit die Tausendkünstlerin auch die Engel des Lichts hintergangen hat - Es
ist ihr schönstes Gesicht! Es ist ihr erstes wahres Gesicht! Lass mich es küssen! (Er will
auf sie zugehen.)
MILLER. Zurück! Weg! Greife nicht an das Vaterherz, Knabe! Vor deinen
Liebkosungen konnt ich sie nicht bewahren, aber ich kann es vor deinen
Misshandlungen.
FERDINAND. Was willst du, Graukopf? Mit dir hab ich nichts zu schaffen. Menge
dich ja nicht in ein Spiel, das so offenbar verloren ist - oder bist du auch vielleicht
klüger, als ich dir zugetraut habe? Hast du die Weisheit deiner sechzig Jahre zu den
Buhlschaften deiner Tochter geborgt, und dies ehrwürdige Haar mit dem Gewerb eines
Kupplers geschändet? - O! wenn das nicht ist, unglücklicher alter Mann, lege dich
nieder und stirb - Noch ist es Zeit. Noch kannst du in dem süßen Taumel entschlafen:
Ich war ein glücklicher Vater! - einen Augenblick später, und du schleuderst die giftige
Natter ihrer höllischen Heimat zu, verfluchst das Geschenk und den Geber, und fährst
mit der Gotteslästerung in die Grube. Zu Luisen. Sprich, Unglückselige! Schriebst du
diesen Brief?
MILLER (warnend zu Luisen). Um Gotteswillen, Tochter! Vergiss nicht! Vergiss nicht!
LUISE. O dieser Brief, mein Vater -
FERDINAND. Dass er in die unrechte Hände fiel? Gepriesen sei mir der Zufall, er hat
größere Taten getan als die klügelnde Vernunft, und wird besser bestehn an jenem Tag
als der Witz aller Weisen - Zufall sage ich? - O die Vorsehung ist dabei, wenn Sperlinge
fallen, warum nicht, wo ein Teufel entlarvt werden soll? - Antwort will ich! - Schriebst
du diesen Brief?
MILLER (seitwärts zu ihr mit Beschwörung). Standhaft! Standhaft, meine Tochter! Nur
noch das einzige Ja, und alles ist überwunden.
FERDINAND. Lustig! Lustig! Auch der Vater betrogen. Alles betrogen! Nun sieh, wie
sie dasteht, die Schändliche, und selbst ihre Zunge nun ihrer letzten Lüge den Gehorsam
aufkündigt! Schwöre bei Gott! bei dem fürchterlich wahren! Schriebst du diesen Brief?
LUISE (nach einem qualvollen Kampf, worin sie durch Blicke mit ihrem Vater
gesprochen hat, fest und entscheidend). Ich schrieb ihn.
FERDINAND (bleibt erschrocken stehen). Luise - Nein! So wahr meine Seele lebt! du
lügst - Auch die Unschuld bekennt sich auf der Folterbank zu Freveln, die sie nie
beging - Ich fragte zu heftig - Nicht wahr, Luise - du bekanntest nur, weil ich zu heftig
fragte?
LUISE. Ich bekannte, was wahr ist.
FERDINAND. Nein sag ich! Nein! Nein! Du schriebst nicht. Es ist deine Hand gar
nicht - Und wäre sie’s, warum sollten Handschriften schwerer nachzumachen sein, als
Herzen zu verderben? Rede mir wahr, Luise - oder nein, nein, tu es nicht, du könntest Ja
sagen, und ich wär verloren - Eine Lüge, Luise - eine Lüge - O wenn du jetzt eine
wüsstest, mir hinwärfest mit der offenen Engelmiene, nur mein Ohr, nur mein Aug
überredetest, dieses Herz auch noch so abscheulich täuschtest - O Luise! Alle Wahrheit möchte dann mit diesem Hauch aus der Schöpfung wandern, und die gute Sache ihren
starren Hals von nun an zu einem höfischen Bückling beugen! (Mit scheuem bebenden
Ton.) Schriebst du diesen Brief?
LUISE. Bei Gott! Bei dem fürchterlich wahren! Ja!
FERDINAND (nach einer Pause, im Ausdruck des tiefsten Schmerzens). Weib! Weib! -
Das Gesicht, mit dem du jetzt vor mir stehst! - Teile mit diesem Gesicht Paradiese aus,
du wirst selbst im Reich der Verdammnis keinen Käufer finden - Wusstest du, was du
mir warest, Luise? Ohnmöglich! Nein! Du wusstest nicht, dass du mir alles warst!
Alles! - Es ist ein armes, verächtliches Wort, aber die Ewigkeit hat Mühe, es zu
umwandern, Weltsysteme vollenden ihre Bahnen darin - Alles! Und so frevelhaft damit
zu spielen - O es ist schrecklich -
LUISE. Sie haben mein Geständnis, Herr von Walter. Ich habe mich selbst verdammt.
Gehen Sie nun! Verlassen Sie ein Haus, wo Sie so unglücklich waren.
FERDINAND. Gut! gut! Ich bin ja ruhig - ruhig, sagt man ja, ist auch der schaudernde
Strich Landes, worüber die Pest ging - ich bin’s. (Nach einigem Nachdenken.) Noch
eine Bitte, Luise - die letzte! Mein Kopf brennt so fieberisch. Ich brauche Kühlung -
Willst du mir ein Glas Limonade zurechtmachen? (Luise geht ab.)
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