Viele deutsche Fürsten waren nicht zimperlich bei der Geldbeschaffung für die aufwändige Hofhaltung. Sie machten von der Möglichkeit Gebrauch, Soldaten an ausländische Herrscher zu vermieten oder zu verkaufen. Diese Praxis begann während des Siebenjährigen Krieges (1756-63) und fand Fortgang während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775-83). Auch Herzog Karl Eugen von Württemberg suchte sich diese Geldquelle zu erschließen:
"Die ganze Summe der Truppen, welche die sämmtlichen deutschen Staaten für gewöhnlich unter den Waffen hatten, schätzte man auf 625.000 Mann, was bei etwa 29 Millionen Einwohnern ungefähr 2,16 Proc. der Bevölkerung ausmacht.
Für die Fürsten freilich war eine solche unverhältnismäßig starke Militärmacht oftmals eine sehr glückliche Finanzspeculation theils durch die Subsidien, welche sie sich von fremden Mächten für ihre Bundesgenossenschaft oder ihre Neutralität zahlen ließen, theils auch auf noch directerem Wege durch die Lieferung von Soldaten in fremde Kriegsdienste. Dieser Menschenhandel, den unser großer Dichter Schiller in seinem Drama ‚Kabale und Liebe' so vernichtend gebrandmarkt hat, war in der That beinahe das Aergste, was der landesväterliche Despotismus jener Zeit dem in alles sich geduldig fügenden Sinne des deutschen Volkes zu bieten wagte. …
Am schamlosesten … ward dieser Menschenhandel während des Krieges der Engländer gegen ihre nordamerikanischen Colonien getrieben. Während der acht Jahre 1775-1783 erfolgten gegen Geld die nachbenannten Truppenlieferungen aus deutschen Ländern:
von Braunschweig 5.723 Mann oder 3,45% der Bevölkerung
von Hessen-Cassel 16.992 Mann oder 4,55% der Bevölkerung
von Hessen-Hanau 2.422 Mann oder 3,95% der Bevölkerung
von Ansbach 1.644 Mann oder 0,79% der Bevölkerung
von Waldeck 1.225 Mann oder 1,50% der Bevölkerung
von Anhalt-Zerbst 1.160 Mann oder 5,05% der Bevölkerung
im Ganzen 29.166 Mann
Davon gingen verloren:
von Braunschweig 3.015 Mann
von Hessen-Cassel 6.500 Mann
von Hessen-Hanau 981 Mann
von Ansbach 461 Mann
von Waldeck 720 Mann
von Anhalt-Zerbst 176 Mann
im Ganzen 11.853 Mann
Die Einnahmen der Landesväter für den Verkauf ihrer Landeskinder setzten sich aus verschiedenen Posten zusammen, waren auch zum Theil verschieden je nach den speciellen Verträgen, die darüber abgeschlossen wurden. Zuvörderst erhielt der Landesherr ein bestimmtes Werbegeld für jeden einzelnen Soldaten. Dieses betrug gleichmäßig überall 30 Kronen Banco zu etwa über 5 Mark, also etwa 150 Mark. Für einen gefallenen oder drei verwundete Soldaten erhielt der Landesherr nochmals das Werbegeld von 30 Kronen, musste dafür aber einen Ersatzmann schaffen. Außerdem machten sich die meisten Fürsten eine jährliche ‚Subsidie' aus, die nicht nur während des Krieges, sondern auch noch zwei Jahre nach dem Kriege, und zwar dann verdoppelt (weil dann die Löhnung der Truppen aus fremdem Gelde aufhörte) gezahlt werden musste; der Landgraf von Cassel war so schlau sich eine doppelte Subsidie gleich von Anfang an auszubedingen, die dafür aber nur noch ein Jahr nach dem Schluss des Krieges fortdauern sollte. Bei früheren Gelegenheiten hatten deutsche Fürsten auch von der hohen englischen Löhnung, die bedeutend mehr betrug als die gewöhnliche deutsche, dieses Mehr in ihre eigenen Taschen gesteckt. In den Verträgenwegen des amerikanischen Krieges setzte man englischerseits deshalb fest, dass diese Löhnung direct an die Truppen ausgezahlt werden sollte - eine fremde Regierung musste das Interesse der deutschen Soldaten gegen ihre eigenen Fürsten wahrnehmen!...
Eine eigene bittere Ironie lag außerdem noch darin, dass diese unglücklichen Schlachtopfer füstlichen Eigennutzes ihr Leben an die Unterdrückung der Freiheit einer anderen Nation setzen mussten, und das in demselben Augenblicke, wo der Freiheitskampf der Amerikaner von deutschen Dichtern und Philosophen ald die Morgenröthe einer neuen besseren Zeit auch für Europa und Deutschland gefeiert ward."
Karl Biedermann: Deutschland im 18. Jahrhundert. Band 1. Leipzig 1858
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